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23.09.2016

Zehn Wochen Truppenpraktikum beim Einsatzführungsbereich 2

Ein Erlebnisbericht von Leutnant Michelle Mentschke.

Erndtebrück. "Sie haben Ihr Ziel erreicht", ließ das Navigationsgerät verlauten, als ich vor dem großen Tor der Hachenberg-Kaserne zum Stehen kam. Unwillkürlich musste ich lächeln, möglicherweise hatte es Recht. Der Wachmann staunte nicht schlecht, als ich mich ausweise, aber ich kann es ihm nicht verübeln. Schließlich wäre ich mit meinen 1,60 m Körpergröße auch locker als Schülerpraktikantin durchgegangen und eine graue Heeresuniform sieht man hier in Erndtebrück, der geschichtsträchtigen Luftwaffengarnison, eher selten.

"Warum Frau Leutnant?"

In meinem Werdegang als Offizier des Heeres habe ich schon viele Orte in ganz Deutschland besucht und wurde in meiner bisher vierjährigen Karriere von Berlin/Brandenburg nach Rheinland-Pfalz, Bayern, Sachsen, Niedersachsen und zuletzt Hamburg versetzt. Seit Ende 2013 ist meine dienstliche Heimat die Helmut-Schmidt-Universität, Universität der Bundeswehr in Hamburg. Dort studiere ich Bildungs- und Erziehungswissenschaften, ein Studium, das zu meiner Offiziersausbildung dazugehört. Das Reisen und Kennenlernen neuer Orte gehört für mich zu den selbstverständlich gewordenen Eigenheiten meines Berufs, aber Erndtebrück ist für mich eine ganz besondere Reise. Die zeitlich eng getaktete Offiziersausbildung lässt normalerweise nur wenig Raum für persönliche Belange, daher weiß ich dieses Praktikum beim Einsatzführungsbereich 2 besonders zu schätzen. Es ist eine große Chance meinen Beruf als Offizier mit der Faszination der Luftraumüberwachung zu verknüpfen.

Faszination Luftraumüberwachung

Schon  lange  vor  meiner  Zeit  in  der  Bundeswehr  wollte  ich  Fluglotse  werden.  Es  hat mich  beeindruckt,  wie  die  vielen  tausend  Flugzeuge  täglich  von  den  deutschen Flughäfen  abheben  und,  im  Gegensatz  zu  den  pannenanfälligen  Autos,  meistens pünktlich und unversehrt wieder "unten" ankommen. Nach einer erfolglosen Bewerbung bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) entschied ich zur Luftwaffe zu gehen. Leider schaffte ich es nur auf die schier endlos lange Warteliste um die begehrten Plätze bei der  militärischen  Flugsicherung.  Als  Alternative  bot  man  mir  eine  Karriere  als Heeresoffizier  an,  mit  der  Option  auf  einen  späteren  Laufbahnwechsel.  Diese Herausforderung nahm ich an. Nachdem ich beim Heer eine Offiziersausbildung durchlaufen hatte und im Studium auf Angehörige  der  Luftwaffe  und  Marine  getroffen hatte,  war  ich  entschlossen,  mein  Glück  noch einmal zu versuchen und einen Antrag auf Laufbahnwechsel in Erwägung zu ziehen. So  habe  ich  mich  zunächst  einmal  für  ein  zehnwöchiges  Praktikum  in  Erndtebrück beworben.  

Von Heer zu Luftwaffe

Im  ersten  Moment  war  das  Praktikum  ein  kleiner Kulturschock,  denn  obwohl  wir  alle Teil der Streitkräfte sind, ist die Luftwaffe doch ein bisschen anders als das Heer. Im Allgemeinen  könnte  man  die  Arbeitsatmosphäre  als  etwas  lockerer  und  entspannter, dafür  aber  auch  als  etwas  weniger  streng  militärisch  beschreiben.  Was  Erndtebrück jedoch in meinen Augen besonders macht, ist die Tatsache, dass die Kameraden sich jeden Tag aktiv einer großen Verantwortung stellen. Der Einsatzführungsdienst gehört zu den wenigen Einheiten der Bundeswehr, die nicht nur täglich für den Ernstfall üben, sondern auch tagtäglich im Einsatz sind. Im Schichtbetrieb wird von hier aus, und von dem "Schwester-CRC" (Control and Reporting Center) in Schönewalde, der gesamte deutsche Luftraum rund um die Uhr überwacht.  

Ein Tag im Einsatz

Nachdem ich mich also an den neuen Umgangston gewöhnt hatte, durfte ich endlich das  "CRC  Loneship"  betreten.  Begleitet  von  einem  Signalton  trat  ich  aus  der Sicherheitsschleuse und hatte das Gefühl, eine neue Welt betreten zu haben. Überall standen  Bildschirme  mit  mehr  oder  weniger  blinkenden  Symbolen  und  Linien,  das gedimmte  Licht  und  die  kreisförmige  Anordnung  der  Arbeitspositionen  gab  dem Ganzen  eine betriebsame  Atmosphäre.  Funksprüche,  Abkürzungen  und  Kommandos wurden in die Headsets gesprochen, Telefone klingelten leise, Tastaturen klapperten. Kaum war ich da, brach "kontrollierte Hektik" aus. Ein Verkehrsflugzeug hatte längere Zeit  keinen  Funkkontakt  zur  zuständigen  Bodenkontrollstelle  aufgenommen,  mehrere Anrufe auf der internationalen Notfallfrequenz waren ebenfalls erfolglos geblieben. Ab diesem  Moment  wird  auch  die  Luftwaffe  aktiv,  da  bei  einem  solchen  Verhalten schlimmstenfalls  davon  ausgegangen  werden  muss,  dass  die  Piloten  aufgrund  von technischen  Problemen  nicht  mehr  kommunizieren  können  oder  das  Flugzeug  gar entführt wurde. Jeder Soldat in der Operationszentrale schien genau um seine Aufgabe zu  wissen  und  von  allen  Seiten  kamen  Informationen  über  das  Flugzeug  zum verantwortlichen "Track Production Officer" (TPO). Auch in der benachbarten Abteilung der "Weapons" herrschte reges Treiben, denn dort sitzen die Controller, die im Notfall die Abfangjäger instruieren und mittels Radar und Funk an das betreffende Flugzeug heranführen.  Ein  Anruf  von  der  DFS  löste  die  zuvor  entstandene  Anspannung  im Raum. Das Flugzeug hatte in der Zwischenzeit die Kommunikation wieder hergestellt und die Einsatzführer konnten wieder zum Tagesdienst übergehen.  

Was ich mitnehme

Da ich mein Praktikum über einen längeren Zeitraum absolviert habe, kam ich zunächst einmal  in  den  Genuss  einer  zweiwöchigen  Grundlagenausbildung  zum Einsatzführungssoldaten.  Nur  so  konnte  ich  bei  meiner  anschließenden  praktischen Phase auch etwas mit den vielen Abkürzungen, Funksprüchen und technischen Details anfangen.  In  dieser  Phase  konnte  ich  zusammen  mit  den  unterschiedlichen  Crews ihren  Dienstalltag  erleben.  Ich  habe  viele  Stunden  an  den  verschiedenen  Positionen verbracht  und  den  Kameraden  und  Kameradinnen  Löcher  in  den  Bauch  gefragt. Besonders angetan hat es mir dabei der Job als "Aircraft Controller" (AC). Zum Ende hin  durfte  ich  in  einer  simulierten  Mission  sogar  selbst  einmal  an  die  Konsole  und meine fiktiven Eurofighter ein paar Runden über den Bildschirm steuern.  In den vergangenen 10 Wochen habe ich viel gelernt, gelacht und gesehen. Ich durfte neben dem CRC auch Zeit in der Einsatzführungsausbildungsinspektion 23 und in dem berüchtigten  Haus  13  (Simulator  zur  Grundlagenausbildung  aller  angehenden Einsatzführungsoffiziere)  verbringen.  Außerdem  habe  ich  die  den Einsatzführungsbereichen  übergeordneten  nationalen-  und  NATO  –  Dienststellen  in Uedem und die DFS in Langen besucht. Überdies wurde mir die besondere Ehre zuteil als  einziger  "Nicht-Controller"  den  Feierlichkeiten  zum  Neuerwerb  der  Jagdlizenz beiwohnen zu dürfen.  

Auf ein Wiedersehen, Erndtebrück

Nun neigt sich mein Praktikum dem Ende zu und ich blicke auf ereignis- und lehrreiche Wochen  zurück.  Ich  konnte  einen  wirklich  umfassenden  Einblick  in  die  Arbeit  des Einsatzführungsdienstes bekommen. Ich ziehe mein Barett vor den jungen Offizieren und Unteroffizieren, die im CRC Loneship (und im Schwester-CRC Sunrise) täglich für unser aller  Sicherheit  garantieren  und  damit  eine  große  Verantwortung  tragen.  Nach meinem  Studium  werde  ich  hoffentlich  die  Möglichkeit  bekommen  in  das  verträumte kleine  Städtchen  Erndtebrück  zurückzukehren.  Bis  dahin  verabschiede  ich  mich  mit dem Schlachtruf des Einsatzführungsdienstes – "Tally Ho!".

(Anm. d. Red.: Mit dem Ausruf "TALLY HO” bestätigen die Piloten beim Funkverkehr den Sichtkontakt zu anderen Luftfahrzeugen.)

Autor/in: Luftwaffe/Michelle Mentschke